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IM FILZEN VON FUSSBALLFANS IST DER FC ST. GALLEN WELTKLASSE


BIS AUF DIE UNTERHOSE

An der Grenze des Gesetzlichen: Auf der Suche nach Feuerwerkskörpern und Waffen schikanieren Sicherheitskräfte im Espenmoos angereiste Fans.

Pascale Claude

"Es dauert nicht lange", grinst der Securitas-Mann. es ist seine Antwort auf die Bemerkung, mir sei etwas kalt. Fröstelnd, in Unterhosen und Socken, stehe ich in einem Container vor dem Stadion Espenmoos. Es ist Dezember. Ich bin nicht der Erste da drin, der Boden ist nass und braun vom Regen und dem Dreck der Strasse. Einen Teppich, um draufzustehen, suche ich vergebens. Einen Haken für die Kleider ebenfalls.Die Socken saugen den Strassendreck auf, die Jacke. wird nach der Kontrolle vom: Securitas-Mann auf den Boden geworfen. Sie wird nass und schmutzig. Von verschiedenen Seiten war zu vernehmen, dass der FC St. Gallen die -Fans der Auswärtsmannschaft mit einer eigenen Art von Gastfreundschaft empfängt. Der Selbstversuch - ein Schal in den Servette-Farben genügt als Tarnung - fällt beeindruckend aus.

Mit "unvergessliche Momente" ist das Vorwort zur Festschrift «Jubeljahre FC St. Gallen betitelt. Der Ostschweizer NLAKlub und Meister des Jahres 2000 scheint einiges daran zu setzen, seinem Umfeld Erlebnisse mit Seltenheitswert zu garantieren. Geht es um die Behandlung von Gästefans, gelingt ihm das vorzüglich. Aufgeschreckt durch verschiedene Vorkommnisse (Sachbeschädigungen, unerlaubtes Abbrennen von Fackeln, Brände) während der Saison 2000/2001 und missmutig über die daraus resultierenden Bussen der Nationalliga A entschied sich der Verein für neue Wege: Für das letzte und alles entscheidende Heimspiel gegen die Grasshoppers im Juni dieses Jahres wurde vor dem Eingang zum Gästesektor ein Zelt aufgebaut, das fortan als Entblössungsraum dienen sollte. Kein Raketchen, kein Gramm Rauchpulver, kein Messer sollte mehr den Weg ins Espenmoos finden. (Das gilt freilich nur für den Gästesektor. Beim Spiel gegen den FCZ Anfang Oktober hatte ich ein Ticket für die Gegengerade und kam trotz voll bepacktem Rucksack ohne jede Kontrolle rein.) Das Zelt, noch vor Anpfiff des besagten Spiels von aufgebrachten GC-Anhängerlnnen auseinander genommen, ist inzwischen einem Container gewichen. Der garantiert Stabilität.

SCHIKANIERTE FANS GEBEN KONTRA

Wer heute mit seiner , Mannschaft nach St. Gallen reist und sich äusserlich als Fan zu erkennen gibt, hat als Erstes seinen Personalausweis vorzuweisen und eine Einverständniserklärung zu unterschreiben, womit er oder sie in die folgende Prozedur einwilligt. Ausziehen oder heimgehen - lehnt man ab, bleibt man draussen. «Wir zwingen niemanden, die Kontrolle über sich ergehen zu lassen», hält St.Gallens Office-Manager und Sicherheitschef Ivo Sulzberger fest. Das stimmt. Doch wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Servette-Fan, der eben mal gerade vier Stunden seinem Team nachgereist ist, auf den Besuch des Spiels verzichtet? Wäre es da nicht angemessen, die Vereine und deren Anhängerlnnen im Voraus über das Bevorstehende ins Bild zu setzen? «Mittlerweile haben ja alle Mannschaften bei uns gespielt, und die Fans wissen jetzt Bescheid», entgegnet dem Sulzberger etwas lapidar.

Die Fans wissen allerdings Bescheid. Lang ist sie, die Liste der E-Mails, Briefe und Telefonate, die der FC St.Gallen seit seiner Einführung seiner Ausziehpraktiken hat entgegennehmen müssen. Und der Inhalt der Sendungen ist selten wohlwollend. Angesprochen aufs Espenmoos, erhitzen sich die Gemüter auch noch Wochen nach der Auswärtsfahrt. «Es wurden willkürlich irgendwelche (meist normalen) Fans herausgepflückt, die sich vor einem Sicherheitsmitarbeiter ausziehen mussten erinnert sich Basel-anhänger S*, und Servette-Fan V. schreibt: «Unsere Fahnen durften nicht mit ins Stadion - wahrscheinlich, weil sie nicht unterschreiben können. Wir selber mussten uns in diese widerliche Kabine begeben, und einige der Securitas Leute waren auch nicht zu blöd, die Kleider auf dem Boden, mitten im Strassendreck, zu durchwühlen.» FCZ-Fan C. hat in St. Gallen bis auf weiteres Stadionverbot wegen «abschätzigem Verhalten gegenüber dem Sicherheitspersonal» - er hatte, nachdem die Fans im Stadioninnem auch noch gefilmt wurden, einem Beamten den Stinkefinger gezeigt. «Die haben ein Rad ab in St. Gallen», sagt er heute. Die Fans der Young Boys gehen bereits einen Schritt weiter: «Das nächste Spiel im Espenmoos werden wir zu einer Motto-Fahrt nutzen», sagt YB-Fan M., «die Kataloge, wo man Sträflingskleidung bestellen kann, haben wir schon. Geschlossen in Unterhosen hinzugehen, haben wir auch schon diskutiert.»

UNKLARIE JURISTISCHE SITUATION

Beim angefeindeten FC St. Gallen versteht man die Kritik, solange sie von unbescholtenen Fans kommt. «Trifft es normale Leute, ist die Massnahme sicher etwas krass»,. räumt Ivo Sulzberger ein. Geändert wird vorerst aber nichts: «Wir sind verpflichtet, die Sicherheit im Stadion zu garantieren. Und die Erfahrungen zeigen, dass wir mit unseren Massnahmen vieles verhindern konnten.» Sie seien die Ersten, versichert Sulzberger, die bei einer Abnahme der Gewaltbereitschaft die Kontrollen wieder lockern würden. Im Moment sei jedoch eine gegenteilige Entwicklung im Gang.

Rechtlich hat sich der FC St. Gallen abgesichert, als veranstaltender Verein darf er abweisen, wen er will. Auch gegen die A5Zettel, auf denen der Fan unter seine Personalien schriftlich die Bereitschaft zum Strip bestätigt, ist juristisch kaum etwas einzuwenden. Die Zettel werden laut Sulzberger ein halbes Jahr aufbewahrt und dann vernichtet. «Die Daten werden nicht weitergegeben, da gebe ich Ihnen mein Wort», sagt er, als ich mich zwei Tage nach dem Spiel nach meiner «Fiche» erkundige.

Absolut harmlos ist das ganze Vorgehen dennoch nicht. Der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich, Bruno Baeriswyl, verweist einerseits auf das Recht der «menschenwürdigen Behandlung», das einem bei einer Leibesvisitation zustehe. Weiter müssten solche Massnahmen «verhältnismässig sein, geeignet und erforderlich für dieZweckerreichung». Ob das Ausziehen bis auf die Unterhosen im Sinne der Gewaltprävention diese Kriterien erfüllt, wenn man damit, wie beim Servette-Spiel, an sich harmlose Fans binnen, Minuten zur Weissglut treibt, ist zumindest fraglich. Baeriswyl nennt einen weiteren heiklen Punkt: "Es stellt sich die Frage, wer sich eine erkennungsdienstliche Massnahme gefallen lassen muss. Dafür braucht es einen konkreten Tatverdacht. Dass der selten vorliegt verdeutlichte nicht nur mein Selbstversuch. YB-Fan' M. lächelt müde, wenn er über den präventiven Wirkungsgrad der St. Galler Massnahme spricht.«Was die Hools angeht, so sehen wir seit Jahren dieselben Gesichter. Die pflücken sich in St. Gallen ganz einfach die Falschen raus.» Die Sicherheitspolitik des FC St. GaJ1en sucht national wie international ihresgleichen. «Ich habe schon etliche Spiele in Frankreich, Italien, England, Schottland und Deutschland besucht, aber eine Behandlung wie in St. Gallen habe ich nirgends auch nur annähernd erlebt», sagt FCZ-Fan C., und die Kollegen der andere Vereine stimmen zu. Sicherheitschef Sulzberger wünscht sich denn auch eine weniger isolierte Position seines Vereins: «Die Nationalliga sollte für sämtliche Vereine genau festlegen, wie die Sicherheit zu gewährleisten ist. Denn wenn die Fans bei uns gefilzt werden und dann sehen, dass in Sion Fackeln gezündet werden, finden sie das natürlich ungerecht.» Rolf Suter, stellvertretender Nationalliga-Direktor, findet diese Forderung «eigenartig». Normalerweise wurden sich die Klubs wehren, wenn sich «die Nationalliga anmasst, von allen Vereinen das Gleiche zu fordern», entgegnet er. «Von uns wird sonst immer verlangt, auf lokale Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen.» Was der FC St. Gallen mit den Gästefans macht, darüber ist Suter überdies alles andere als glücklich. Einschreiten will er jedoch nicht: «Wir können den Verein nicht büssen für Vorfälle im Stadion und ihm gleichzeitig bei den Sicherheitsvorkehrungen dreinreden.» Suter fügt aber an: «Wenn schon, dann müssten die Massnahmen für alle gelten, also auch für Heimfans und Tribünenbesucher. Gerade wenn man weiss, mit was für Gesängen die St. Galler die Gäste eindecken.» Die einzige Möglichkeit für Auswärtsfans, sich gegen das Filzen zu wehren, so Suter, sei,wohl der Boykott des betreffenden Stadions. «Doch das ist für die Fans natürlich keine gute Lösung.»


Die abgekürzten Namen der zitierten Fans sind der Redaktion bekannt.
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